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Liebe Gäste unserer Weltklassik-Klavierkonzerte,

in einem schön gestalteten Weihnachtsliederbuch unseres Sohnes ist es mir wieder begegnet: Das wohl um 1850, in Sprache und musikalischem Tonfall im „alten Stil“ erschaffene Lied „Maria durch ein Dornwald ging“. Es ist eines jener eher herben, scheinbar aus alter Zeit herrührenden Lieder, die zu unserer gewohnten, oft eher lauten und grellen „Winter Wonderland“-Seligkeit sonstiger Weihnachtsfeste nicht zu passen scheinen. Und überhaupt: Es fällt auch Ihnen sicher auf, wie viele der wirklich alten, oft aus dem 15., gar 14. Jahrhundert stammenden Weihnachtsgesänge in Tongeschlechtern bzw. in Kirchentonarten stehen, die für unser Ohr eher nach „Moll“ klingen, ja mitunter befremdlich ernst, spröde und streng wirken. Vermutlich schaffen es solche Weihnachtslieder auch nur bei älteren Hörern auf die vorderen Plätze der „Best of“-Listen unserer Zeit.

„Mit Ernst, o Menschenkinder“ – so beginnt ein Lied Hans Leo Haßlers auf einen Text vom Beginn des 17.Jahrhunderts, in dem von Demut und Umkehr des Herzens die Rede ist. Nur in ein derart vorbereitetes Herz könne der verkündete „hohe Gast“ auch einziehen. In der Kunst der Zeit gehen Maler oft noch einen Schritt weiter: Nicht selten wird die Geburt Jesu – in unserer Zeit oft allein Anlass zur Freude, zum Überschwang, ja Übermut, wenn diese Geburt überhaupt noch im modernen Weihnachtsgeschehen eine Rolle spielt – eindeutig bereits mit dem Tod in Verbindung gebracht: Da greifen etwa bei Lorenzo Lotto (1534) die kleinen Hände des Jesuskindes mit verstörend entschlossenem Griff dem von den Hirten dargebotenen Lamm (Agnus dei – schon hier sind wir deutlich in der Passionszeit) an den Kopf. In der Weihnachtsdarstellung in der Mitte des dreigeteilten Columba-Altars von Rogier van der Weyden ist gar ein Kruzifix am mittleren Stützpfeiler (auch das gewiss sinnbildlich) der Hütte auszumachen. Die ernsten Gesichter der an der Krippe Versammelten gehen einher mit den ernsten Tönen der alten Weihnachtsgesänge.

Den damaligen Hörern und Betrachtern waren diese Hinweise von Textdichtern, Komponisten und Malern bestens vertraut. Ihr Leben war eines, von dem Krankheit, Bedrohung und Tod nicht zu trennen war. Nicht selten erliegen wir heute dem modern-nostalgischen und damit geschichtsfernen Gedanken, dass dieses Leben ein „naturnäheres“, erfüllteres und deswegen „gesünderes“ gewesen sei – wer einmal nur die sich aneinander reihenden Sterbedaten der Kinder Johann Sebastian Bachs im Buch des Dirigenten und Musikgelehrten John Eliot Gardiner studiert hat, ahnt zumindest, wie nahe sich Geburt und Tod, Freude und Leid im Leben der von uns so verehrten und geliebten Komponisten waren.

Ernst? Demut? Verzicht? Zu Weihnachten? Uns in so vielerlei Hinsicht Glücksverwohnten fällt es in diesen Tagen sehr schwer, auch nur einen Hauch von dem abzuweichen, was wir sonst für uns in gerade dieser Zeit in Anspruch nehmen. Und selbst wer Weihnachten nicht als einzige große „Party“ versteht, muss erleben, dass er etwa als Musiker, als Sänger, als Konzertbesucher, als Kulturveranstalter – gewohnt, diese Hoch-Zeit der Musik ganz auszukosten – auf alles das verzichten muss, was Tragewerk seines Lebens ist. Und so reduzieren sich unsere Wünsche in diesen Tagen vielleicht sogar darauf, wenigstens einen Teil unserer Familie zum Fest sehen zu können.

Enge, Verzicht, Einsamkeit, Not und Angst – nie hätten wir uns vorstellen können, das Weihnachtsfest einmal wieder mit diesen existentiellen Gefühlen und Nöten verbunden zu sehen. Ohne zu „pastoral“ werden zu wollen oder gar zu können: In den alten Bildern und Gesängen und in unserer jetzigen Situation sehen und erleben wir Weihnachten wohl so, wie es unsere Vorväter und -mütter, die Generationen vor uns gesehen, verstanden und wohl oft genug erlebt haben. Als ein aus Pracht und Macht in die „Enge“-Kommen, in das Niedrige, das Gefährdete, in die Angst, in den Verzicht. Bei all der Zumutung, die diese dunklen Weihnachtstage für uns sind: Darin liegt auch eine ganz kleine Chance – eine Chance, einen anderen Blick auf die Dinge unseres Lebens zu gewinnen. Wenn alle Möglichkeiten zur Zerstreuung erstmal genommen sind, nimmt man tatsächlich vieles wieder wahr, was einem völlig unbedeutend geworden war. Das kostet Anstrengung und Mut, ein wenig Übung und vor allem viel Überwindung. Vielleicht sind wir aber in diesen Tagen – zumindest wünsche ich, wünschen wir Ihnen allen das – näher am „eigentlichen“ Weihnachten dran, als wir jemals waren. Einige schwere Schritte haben wir nun in den letzten Monaten im Dornenwald zurückgelegt und es hat einiges an Mut gekostet, ihn zu betreten. Wir mussten sogar erleben, dass er mit jedem der letzten Monate dunkler, dichter und dorniger zu werden schien. Zum Verzweifeln. In den alten Weihnachtsliedern erscheint aber immer wieder das Bild des kleinen Blümleins, des Rösleins, das inmitten aller Dunkelheit plötzlich zu wachsen und zu leuchten beginnt: „Mit seinem hellen Scheine/Vertreibt‘s die Finsternis“. Und natürlich kennen wir die Verse aus dem eingangs erwähnten Lied „Als das Kindlein durch den Wald getragen,/Da haben die Dornen Rosen getragen“.

Liebe „Weltklassik“-Gäste – wir wünschen Ihnen von Herzen, dass Sie alle dieses Weihnachten genau so erleben: Dass Ihnen auf diesem schwierigen Weg immer mehr dieser kleinen „Blümlein“ sprießen, sei es in kleinen Augenblicken, kleinen Gesten, schönen Momenten, gerade auch mit Musik, denn, auch wenn wir gerade nicht musizieren und singen können, so muss es doch keine ganz musikferne oder gar totenstille Zeit sein. Gerade in der Musik haben viele findige Köpfe – so auch bei „Weltklassik“ – einige sehr schöne Konzerte und Gespräche im Netz zur Verfügung gestellt: Ein reicher Schatz, aus dem man gerade jetzt zur Weihnachtszeit das ein und andere Juwel heben kann.

Meine Familie und ich, wir wünschen Ihnen zu diesem Weihnachtsfest, dass Sie sich wundern mögen: Dass es eben doch immer wieder das ein und andere Gute, Schöne, Hilfreiche gibt in dieser Zeit, das weiterhin Kraft gibt, durch diese Zeit zu gehen, ja, dass Sie selbst mehr Kraft haben, als Sie vielleicht bis jetzt geglaubt haben  – bis der dunkle, entlaubte Wald wieder in frischem, grünen Laub und voller Rosen steht. Das werden wir erleben. Auch mit unseren Konzerten wird es im neuen Jahr weitergehen – und wir freuen uns schon jetzt, Sie alle wieder bei uns begrüßen zu dürfen und mit Ihnen gute Musik zu genießen.

Bis dahin von Herzen alles Gute, vor allem Gesundheit – ein frohes Weihnachtsfest und ein glücklicheres, leichteres und vor allem wieder kunst- und musikerfülltes neues Jahr 2021!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihre Familie Güntert


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